Was wir alles bezahlen! – Drogentherapie für männliche Muslime

23 08 2009


Manche wollen sterben, für andere ist der Totalabsturz Alltag: In einem Nürnberger Vorort gibt es die einzige Therapieeinrichtung Deutschlands für drogenabhängige männliche Muslime.

NÜRNBERG taz | Das Traumhafteste: Versehentlich spritzte Sinan* sich eine Überdosis Heroin. „Ich habe extra ganz langsam gedrückt, weil ich den Stoff nicht kannte“, sagt er. Dann kippte er um. „Ich bin mit dem Licht verschmolzen, ich habe in diesem Moment Gott gesehen, ich habe den Geschmack des Todes probiert. Es war gigantisch, es ist einfach nur noch geil“, schwärmt Sinan.

Das Traumatischste: Eine Woche vor der Überdosis erfuhr Sinan, dass ein Freund, mit dem er manchmal das Spritzbesteck teilte, sich mit Hepatitis C infiziert hatte. Dann hörte er noch Gerüchte, der Freund habe auch das HI-Virus. „Ich kann mich genau daran erinnern, so als wäre es gestern“, erzählt er. Die Testergebnisse waren negativ, mit den Drogen aufhören konnte oder wollte er an diesem Punkt trotzdem noch nicht. „Nur die Blackouts haben mich angekotzt.“

Der 31-jährige Sohn türkisch-griechischer Gastarbeiter sagt, seine Kindheit in Unterfranken sei schön gewesen, „aber ich bin genau der geworden, den mein Vater nicht wollte“. Mit 16 rauchte er das erste mal Haschisch, weil es so cool war. Trotz des täglichen Konsums schaffte er seinen Hauptschulabschluss und beendete eine Lehrer als Maler und Lackierer.

Mit 18 nahm Sinan die erste Ecstasy-Pille, „sie war gelb mit einem Delphin drauf“, sagt er träumerisch. Erst wurde das Gift fester Bestandteil des Alltags, irgendwann wurde es der Alltag, er brauchte immer mehr, „um das geile Gefühl festhalten zu können“. Er konsumierte Alkohol, fast täglich Speed, Crystal oder Kokain. Weil der Rausch nicht mehr aufhörte, er nicht mehr schlafen konnte, rauchte, schnupfte und spritzte er Heroin, „um runterzukommen“ – bis zu vier Gramm täglich.

Er machte vieles, was ihn zerstörte, nichts, was ihm und seiner Familie gut tat. Die Ehe scheiterte, seine Sucht finanziert er durchs Dealen und Raub, stahl auch den Goldschmuck seiner Mutter und die Elektrogeräte des Vaters. Heute, nach mehreren Entgiftungen, ist Sinan manisch-depressiv und wohnt in der Therapieeinrichtung „Dönüs“ (zu deutsch Wende) – der einzigen Therapieeinrichtung für männliche Muslime in ganz Deutschland, gelegen in Birnthon, einem Vorort von Nürnberg, 70 Einwohner, Niemandsland.

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